Nordkap 2008 - 3. Tag
Montag 23.06.2008
EFJM-EFPU 2.27 h, 453 km
Ernst weckt mich 1:30 UTC. Ich schaue aus dem Fenster. Die dunklen Wolken sind näher gerückt, aber es regnet nicht. Meine Bemerkung: "Da können wir ja noch eine Stunde schlafen" wird gnadenlos ignoriert. Im Licht der nicht untergegangen Sonne bereiten wir die Flugzeuge vor. Unterdessen verschwindet die Sonne unter den dunkel anrückenden Wolken. Mit ein paar Regentropfen auf der Scheibe machen wir uns auf den Weg nach Norden. Die rekordverdächtige Startzeit ist 2.23 UTC.
In 1500 Fuss fliegen wir unter dem Deckel von Kauhava. Approach ist noch nicht auf Sendung. Die frühe Uhrzeit beschert uns einen ruhigen Flug. Hinter uns im Süden dräuht die regenschwangere Front. Vor uns im Norden ist wolkenloser Himmel bis an den fernen Horizont. Die Landschaft besteht aus Sumpf, Wald und Seen. Notlandefelder werden selten. Das ändert sich auch nicht, als wir schließlich auf 3500 Fuss steigen können. Bei aller Unwirtlichkeit wirkt die finnische Landschaft nicht abschreckend und bewahrt sich eine rauhe Sanftheit.
Als wir 7:50 Ortszeit in Pudasjärvi landen ist dort noch alles verschlafen. Wir finden ein paar Segelflugpiloten beim Frühstück und fragen nach Benzin. Da der Automat nur Shell-Karten akzeptiert, wird wieder auf die Karte des Fliegerclubs getankt und bar beglichen.
Während wir über der Flugvorbereitung des nächsten Legs sitzen, wir die Segelflugmeisterschaft mit dem Aufziehen der finnischen Flagge eröffnet. Die Piloten stehen in Reih und Glied und auch wir werden aufgefordert, unser Kartenstudium zu unterbrechen.
EFPU-EFIV 2.03 h, 358 km
Der Himmel ist inzwischen voller Thermikwolken. Wir werden durchgeschüttelt und ich frage mich, weshalb die Segelflieger noch am Boden stehen. Wir sind jetzt in Lappland. Die flache Landschaft weicht einigen Bergen und Hügeln.
Bei Ivalo melde ich mich mit 30 Meilen südlich. Erst später realisiere ich, dass der Einflugpunkt Tanka noch über 25 Meilen vorm Platz ist. Das rückt die Dimensionen dieser endlosen Weite ins rechte Licht. Als wir dem Platz näher kommen wird der Funkverkehr intensiver. "D-MVBB, formation landing is not allowed. I need you one by one on the runway." Schließlich werden wir ins Holding South geschickt. Nach 5 Minuten heißt es: "D-MVBB, do you have the Airbus in final in sight?" "Affirmative, D-MVBB" "BB, cleared to land runway 22." Diesmal erwischt es Horst, der die Freigabe "D-MVBB number 3, cleared to land 22" mit eisigem Schweigen quittiert.
Kurz nach uns landet eine PA28 Zweisitzer und ein Eurostar. Die ersten GA-Dreiachs-Flugzeuge, die wir in Finnland fliegen sehen. Wir müssen die Abfertigung des Airbus abwarten, bevor jemand zur Tankstelle kommt. Dann geht es hoch zum Turm um einen Flugplan nach Norwegen zu machen. Die Landgebühr fällt mit 30 Euro etwas heftig aus. Inzwischen hat die Kantine nach der Abwicklung des Tagesgeschäftes wieder geschlossen. Der ganze Airport döst vor sich hin. Der Controller im Tower hat längst Feierabend und ist nur noch da, um uns mit Wetter, Flugplan und Zoll zu helfen. Das Wetterstudium kickt die Plätze im Norden von der Liste. Wir wählen stattdessen Kirkenes in Osten. Dann warten wir noch 60 Minuten ob sich Zoll oder Grenzpolizei blicken lassen.
EFIV-ENKR 0.51 h, 158 km
Der Flug nach Kirkenes ist nur ein kleiner Hüpfer, gibt uns aber schon einen kleinen Vorgeschmack auf das Fliegen in der Finnmark, Norwegens nördlichstem Verwaltungbezirk. Die Wälder weichen kahlen Hügeln. Alles ist karger. Ivalo Turm stattet alle nach Kirkenes abfliegenden Maschinen mit Handzetteln aus, die dazu ermahnen, vor dem Überflug der Grenze eine Freigabe für die Kirkenes TMA einzuholen. Diese beginnt direkt hinter der Grenze und nach all dem unkontrollierten Luftraum in Finnland ist dieser Hinweis wirklich hilfreich.
Kirkenes empfängt uns geschäftig und schwungvoll auf der Frequenz. Die 15 Minuten vor uns gestarten PA14 und Eurostar können wir noch hören. Nach der Landung holt uns ein FollowMe von der Piste ab. Drin sitzt ein Feuerwehrmann, bei dem wir auch die Landegebühren entrichten. Wir kaufen die Weekly Season Card für 110,- Euro, die alle Landegebühren in ganz Norwegen für eine Woche beinhaltet. So wie es hier in Kirkenes funktioniert, sind alle Flugplätze in Norwegen organisiert. Die Feuerwehr kümmert sich um alle Dienstleistung wie Tanken, Abstellen und Abrechnung.
Wir wandern zunächst rüber ins Terminalgebäude um endlich etwas zu Essen in den Bauch zu kriegen. In Jämijärvi und Pudasjärvi gab es zu früher Morgenstunde noch kein Frühstück. In Ivalo hatte das Kaffee mit dem Verschwinden des Airbus dicht gemacht. Dann rücke ich im Tower ein. Ich erkundige mich nach dem Wetter zum Weiterflug nach Batsfjord, was uns der FollowMe Fahrer empfohlen hatte. Der junge, dynamische und hilfsbereite Kontroller greift ohne zu zögern zum Telefon und beginnt alle Plätze der Umgebung nach dem Wetter anzurufen. Batsford ist zwar momentan noch frei, aber eine Nebelbank schiebt sich zum Flugplatz. Alternativ könnten wir in Kirkenes bleiben. Wieder ungezögerter Griff zum Telefon und das erste Hotel wird angurufen: Alles belegt. Jetzt geht es lustig weiter mit allen anderen Hotels. Zwischendurch versichert er mir immer wieder mit einem Augenzwinkern, dass dies nicht in seiner Jobbeschreibung stünde. Nach 45 Minuten wird klar, in Kirkenes gibt es nur Platz auf einen Zeltplatz weitab der Stadt mit einer Hütte ohne Toilette. Ich stelle zur Debatte, dass wir durchaus noch zu einem anderen Flugplatz fliegen können. In Vadso werden wir endlich fündig. Wir bekommen 4 Einzelzimmer zum sagenhaften Preis von 890 Kronen pro Nacht.
ENKR-ENVD 0.16 h, 38 km
Wir rollen schnell noch zum Tanken um vor einer drohenden dunklen Gewitterwand abzufliegen, als uns der Tower anfunkt: "Nach Vadso nur mit Flugplan, wegen der Restricted Area an der Grenze zu Rußland." Ich trabe also wieder auf den Turm hoch und werfe einen Flugplan für unsere Vierer-Formation aufs Formular. Der Kontroller is sichtlich beeindruckt und wir sind entlassen.
Der Flug über den Fjord dauert nicht lange. Wir hören eine Dash im Funk, die aber letztlich schon 5 Minuten vor uns landet. Wieder werden wir von der Feuerwehr mit FollowMe abgeholt und uns wird beim beschaffen der Gewichte geholfen. Auch ein Taxi wird von der Feuerwehr organisiert. Dann sind wir endlich im Hotel. Wie der Preis in dieser Herberge gerechtfertigt wird, ist uns nicht erklärlich. Aber der Blick über Hafen, Stadt und Berge Richtung Mitternachtsonne entschädigt. Wir sitzen bis früh 2 Uhr auf der Terasse und genehmigen uns einen Wikinger-Vodka. Das der mit 8 Euro zu Buche schlägt wissen wir da glücklicherweise noch nicht. Die Sonne bleibt auch beim tiefsten Stand einen Fingerbreit über den Bergen stehen. Wir wünschen uns auf den Flugplatz um einen Mitternachtsflug zu machen. Der Abend endet überhaupt nicht.